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Arbeiten mit germanistischen Verzeichnisse

Es wurde bereits in den Abschnitten zum Bibliographieren, zur deutschsprachigen Literatur und zu den Lexika und Nachschlagewerken deutlich, dass es bei dem Versuch, das Internet wissenschaftlich zu nutzen, Alternativen zur einfachen Nachfrage mittels Suchmaschine gibt. Wer weiß, wo er nach spezifischen Informationen suchen muss, erspart sich Zeit und Arbeit.

Die hier vorgelegte „Anleitung“ gibt erste Hinweise zum Umgang mit dem Internet. Es gibt aber auch umfangreiche Verzeichnisse von fachspezifischen Links, die sich bemühen, das Feld der deutschen Literatur möglichst vollständig abzudecken. Auf einige dieser Verzeichnisse, die sich in erster Linie an deutschen Universitäten finden, aber auch an englischen und amerikanischen Hochschulen, wurde bereits hingewiesen. Im Folgenden geht es darum, kurz in die Arbeit mit diesen manchmal komplexen Sammlungen einzuführen.

Die zur Zeit wichtigsten Sammlungen im Bereich der deutschen Literatur­wissen­schaft sollen kurz vorgestellt werden.

Ute Olliges-Wieczorek hat für die Düsseldorfer Virtuelle Bibliothek der Universitäts- und Landesbibliothek Düsseldorf ein umfangreiches Verzeichnis von Fachinformationen zusammengestellt, die im Internet abrufbar sind. Einen Schwerpunkt bildet die ältere Literatur (Mediävistik). Empfehlenswert sind die in einem eigenen Kapitel vorgestellten Einführungen zum Umgang mit dem Internet. Leider beschränken sich die Kommentare auf wenige Wörter:

Düsseldorfer Virtuelle Bibliothek (Germanistik) .

Für die Universitätsbibliothek der Freien Universität Berlin hat Ulrich Goerdten eine übersichtliche und gut kommentierte Liste zusammengestellt. Sie enthält die umfangreichste Sammlung von Autorenseiten (Informationen zu Autoren der deutschsprachigen Literatur), die im Internet zur Verfügung steht (mehr als 5000 Einträge):

Germanistische Fachinformationen im WWW .

Die größte, meistbenutzte und –zitierte Sammlung im Bereich der Literaturwissenschaft ist jedoch die sog. Erlanger Liste, auf die schon mehrfach hingewiesen wurde (s.o.). Sie wurde 1995 von den Germanisten Gunther Witting und Ernst Rohmer begründet, die das Verzeichnis seitdem betreuen. Thematisch konzentriert sich die Liste auf die deutschsprachige Literatur „in ihren jeweiligen historischen und medialen Kontexten“, wie Rohmer und Witting einführend feststellen. Die ,medialen’ Kontexte kann man als Malerei und Fotografie ausmachen, denen jeweils Sammlungen gewidmet sind, die der der Literatur vergleichbar sind:

Erlanger Liste .

Die Erlanger Liste zielt – wie auch die anderen oben genannten Verzeichnisse – darauf ab, das Feld der deutschen Literaturwissenschaft möglichst flächendeckend und logisch eindeutig zu erfassen. Das führt zu einem großen Aufwand hinsichtlich der Kategorien und ihrer Über- und Unterordnungen, an die sich der ungeübte Interessent zunächst gewöhnen muss. Sucht man in der Erlanger Liste etwa nach den Fachzeitschriften Philologie im Netz oder Musil-Forum, so folgt man den logischen Verzweigungen der Kategorien-Hierarchie, die hier in einem Beispiel angegeben sei:

Beispiel Struktur .

Es empfiehlt sich deshalb, sich vorab mit der Gliederung der Liste vertraut zu machen. Im folgenden werden einige Hinweise gegeben, die das wissenschaftliche Arbeiten mit der Erlanger Liste vereinfachen. Begibt man sich auf die Seite Literatur, so finden sich dort einige Titel (Kästchen), auf die oben bereits hingewiesen wurde: das Recherchieren stellt die Möglichkeiten bibliographischer Suche im Internet dar, unter Digitale Texte wird auf Sammlungen literarischer Texte in elektronischer Form verwiesen, unter der Überschrift Literatur-Archive sind umfassende Informationen zur Arbeit an Archiven mit v.a. deutschsprachiger Literatur zusammengestellt. Schreibt man eine wissen­schaftliche Arbeit, so wird man je nach Bedarf ganz zu Beginn auf diese Möglich­keiten zurückgreifen.

Texte, die inhaltlich für eine literaturwissenschaftliche Arbeit relevant sind, sei es als Einführung, sei es als Hilfe zu einem speziellen Thema, wird man besonders unter zwei Kategorien finden, nämlich unter:

Ressourcen

und

Epochen .

Unter den Ressourcen sind besonders wichtig die Text- und Link-Sammlungen zu literarischen Gattungen und Genres: Hörspiel, Fernsehspiel, Kriminalroman, Lyrik, Märchen und Fabeln, Parodie, Roman, Science Fiction und Phantastik, Theater, Kabarett, Tanz und Oper. Die Informationen, die hier zugänglich sind, ermöglichen für die meisten Themen literaturwissenschaftlicher Analyse zumindest eine erste Orientierung hinsichtlich der Gattungs-  und Genrefragen. In der ,Stoff- und Motivgeschichte’ finden sich Verzeichnisse zu Themen wie ‚Automaten’, ‚Faust’ oder ‚Loreley’; aber natürlich ist dieses Kapitel auf ausgewählte Stoffe und Motive beschränkt, eine befriedigende Übersicht gibt es nicht. Unter ‚Rhetorik’ versammeln sich interessante Verweise auf Übersichten im Netz. Ergänzt wird das Angebot in diesem Kapitel durch kleine Linkverzeichnisse zur Ästhetik, Metapherntheorie, Metrik und Narratologie.

Das Kapitel Epochen präsentiert auf der Startseite im Hauptteil (rechts) Themen von allgemeiner Relevanz für die deutsche Literaturgeschichtsschreibung. Die eigentlich interessanten Hinweise aber finden sich, wenn man im linken Teil der Seite die Epoche angibt, die jeweils interessiert. Dort finden sich nun Einführungen in die Epoche, Analysen einzelner Züge dieser Zeit und Angaben zu den Autoren. So bietet uns etwa die Kategorie ‚Aufklärung’ eine Einführung in die literarische Epoche (von Xlibris), verweist aber auch auf die zeitgenössische Malerei (Französische Malerei der Aufklärung) und Philosophie (Immanuel Kant). Besondere Aspekte der Aufklärung werden etwa in den wissenschaftlichen Aufsätzen „Über die Anfänge bürgerlicher Gesprächskultur“ (Ingrid Lohmann) oder „Männerfreundschaften des 18. Jahrhunderts“  (Joachim Pfeiffer) aufgegriffen. Es folgen Angaben zu den wichtigsten Autoren der Zeit, darunter etwa G.A. Bürger, G. Forster, C.F. Gellert, J.C. Gottsched, J.J.W. Heinse und natürlich G.E. Lessing und G.C. Lichtenberg.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die meisten literaturwissenschaftlichen Arbeiten in mindestens dreierlei Hinsicht von den Unterverzeichnissen Ressourcen und Epochen der Erlanger Liste profitieren können, nämlich in Hinsicht auf 1. die Gattung/das Genre, 2. die Epoche und 3. den Autor. Zusätzlich kann es sein, dass hier auch thematische Schwerpunkte, relevante Stoffe und Motive oder theoretische Aspekte eines konkreten literaturwissenschaftlichen Themas abgedeckt werden.

Beispiel 6

Eine Alternative zur systematischen Suche bietet die Volltextsuche, die in der Erlanger Liste möglich ist. Sie meldet zu angegebenen Namen oder Begriffen Fundstellen in der ganzen Sammlung. Die bei der Suche gesparte Zeit braucht man aber häufig wieder für das Erschließen der Kontexte, die automatisch gefunden werden, aber nicht immer verständlich sind, wenn man die Erlanger Liste nicht gut kennt.

Eine alternative Logik kennzeichnet die an der Universität Wisconsin-Madison beheimatete Seite

Internet Resources for Germanists

von Alan Ng. Sie kommt ohne ein komplexes Kategoriengebäude aus und beschränkt sich darauf, das im Internet zugängliche Material in möglichst wenigen Rubriken zu erfassen, deren Inhalte für den Benutzer recht schnell zu erschließen sind. Ein wesentliches Kriterium für die Einrichtung einer Rubrik ist für Ng die (statistisch nachweisbare) überdurchschnittlich häufige Nachfrage nach entsprechenden Informationen. Germanistik.net ist bemüht, die relevanten Seiten in einer Liste von 1.500 Links zusammenzufassen. Für das wissenschaftliche Arbeiten im engeren Sinn relevant sind zwei Sparten. Die Rubrik „Autoren und andere Forschungsthemen“ umfasst zwei Gebiete, nämlich die

Autorenseiten

und die

Forschungsprojekte nach Sachthemen .

Bei den Autorenseiten gibt Ng jeweils nur eine Adresse an, die auf die ihm als die beste erscheinende Seite verweist. Auch bei den Forschungsprojekten verweist er bei jedem Stichwort nur auf jeweils eine Seite. Die Verweise werden nicht kommentiert.

Die zweite Rubrik, auf die man zurückgreifen wird, ist

Fachzeitschriften .

Hier wird eine weitgehend vollständige Liste der Fachzeitschriften vorgelegt, zur denen man Zugang durch das Internet hat. Es wird jeweils vermerkt, bei welchen Periodika die Volltexte zur Verfügung stehen ("Texte online").

Auch diese Sammlung kann man auf Begriffe hin durchsuchen (Volltextsuche).

 

 

© 2005 Willi Benning, Fachbereich für deutsche Sprache und Literatur, Universität Athen
e-mail an: Willi Benning